„Käfige für Gedanken“ ist die erste Ausstellung von Rosita D’Agrosa (Salerno, 1989) in der Galerie Lucía Dueñas. Die Absolventin der Kunstakademie Florenz (Fachbereich Malerei) erhielt nach ihrem Kunststudium ein Stipendium der Il Bisonte Stiftung für Lithografie und Grafik. Während ihres Studiums nahm sie an mehreren Künstlerresidenzen in Spanien teil, unter anderem in Cordillera, Lleida und bei Artes by Mount. Ihre künstlerische Forschung ist eine fortwährende Erkundung, die Malerei, Druckgrafik und Textilexperimente verbindet und in ihrer Familiengeschichte verwurzelt ist. Diese Techniken dienen ihr als Medium und Sprache zugleich und schlagen eine Brücke zwischen Poesie und Textilindustrie. In der Serie „Käfige für Gedanken“ (gabbie per i pensieri) steht das Wort im Mittelpunkt der Untersuchung. Wörter, verstanden als „grafische Ausdrücke“ des Sprachcodes, ermöglichen es, die Bedeutung des Geschriebenen unveränderlich und statisch in der Zeit zu erhalten. Gerade weil das geschriebene Wort seine Bedeutung bewahren statt sie zu verlieren kann, wird es in der Vorstellung der Künstlerin zu einem „Speicher“. Bei der Analyse von Notizen, Memos und Anmerkungen gelangte sie zu einer einfachen und banalen Erkenntnis: „Wir schreiben alles auf, was wir uns merken müssen, alles, was wir nicht vergessen dürfen, und alles, was wichtig ist.“ Es ist kein Zufall, dass dieses Projekt 2020 während des Lockdowns entstand, als wir uns alle aufgrund der Pandemie isolieren und soziale Distanz wahren mussten. Sie schuf es mit dem einzigen Material, das ihr damals zur Verfügung stand: einem Metallgitter, auf das sie, als meditative und therapeutische Übung, ihre Gedanken, ihre Gefühle, alles Verdrängte und Gefangene in diesem Moment stickte. Indem sie diesen Stoff in ein Geschenk für andere verwandelte, erweckte sie diese leichten, ätherischen und blumigen Käfige zum Leben – Botschaftsbehälter (in Flaschen), die sie an ihre Lieben schickte: „MI MANCHI“ (Ich vermisse dich), „TI PENSO“ (Ich denke an dich), „ODI ET AMO“ (Ich hasse und liebe dich), „NON AVER PAURA“ (Hab keine Angst), „DIVENTA CIÒ CHE SEI“ (Werde, wer du bist) oder „NON TI SCORDAR DI TE!“ (Vergiss dich nicht!). Es sind kurze SMS, wie man sie von Handys bekommt, die die große Leere, die die Isolation in uns hinterlassen hat, virtuell füllen sollen. Diese Arbeit hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. In ihren neuesten Werken hat sie grafische Elemente eingefügt, die komplexer und weniger intuitiv mit den gestickten Botschaften interagieren und so eine Art emotionales Archiv schaffen, das sorgfältig in die Käfige eingewoben ist. Die Werke präsentieren eine Bildsprache, die zwischen der digitalen Ästhetik der Pixel und der uralten Geduld der Stickerei oszilliert. Ikonen der Popkultur, klassische Rosen und direkte Botschaften koexistieren in einem dreidimensionalen Raum, in dem der an die Wand projizierte Schatten integraler Bestandteil des Werkes wird. Das Netz: Es repräsentiert die rationale Struktur, die Barrieren, die unsere Gefühle bestimmen. Der Faden: Er ist das organische Element, die Emotion, die den Käfig „bewohnt“ und ihn transformiert, ihn in einen schwebenden Garten oder ein Manifest der Rebellion verwandelt. In diesem Dialog zwischen Metall und Baumwolle wird der Betrachter angeregt, über seine eigenen „Käfige“ nachzudenken. Sind es Grenzen, die uns ersticken, oder Räume, in denen wir trotz allem gelernt haben, unsere tiefste Identität erblühen zu lassen? „Käfige für Gedanken“ feiert nicht die Gefangenschaft, sondern die unbezwingbare Fähigkeit menschlicher Kreativität, sich Stich für Stich Freiheit zu erarbeiten, genau dort, wo es unmöglich schien. Die Spannung zwischen der Strenge des Eisens und der Weichheit des Fadens spiegelt perfekt unseren Zustand wider: eine Struktur, die schützt und gleichzeitig offenbart, eine Grenze, die Identität definiert, ohne ihre Verletzlichkeit auszulöschen. Sie verwandeln sich in Ökosysteme der Widerstandsfähigkeit, in denen Gedanken aufhören, abzuschweifen, und beginnen zu wachsen und zu gedeihen. Rosita D'Agrosa
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