agnès b.: Modedesignerin, Galeristin und Kunstmäzenin

Als Modedesignerin, Galeristin, Sammlerin und Kunstmäzenin teilt agnès b. seit über 40 Jahren ihre Leidenschaft für Kunst und Künstler. Von der Galerie du Jour bis zur La Fab. spricht sie über die Begegnungen, die persönlichen Verbindungen und die Neugier, die ihre Entscheidungen prägen.

agnès b.: Modedesignerin, Galeristin und Kunstmäzenin


1) Was ist Ihre allererste Erinnerung an Kunst?


agnès b.: Die Gärten des Schlosses von Versailles. Ich war noch sehr klein und erinnere mich an diese Gärten, die Perspektiven, die Wasserbecken, die Statuen… Ich glaube, das war vielleicht meine erste ästhetische Erfahrung. Natürlich wusste ich damals nicht, dass das „Kunst“ war. Ich fand es einfach schön, weitläufig und geheimnisvoll. Ich glaube, Schönheit spendet Trost. Und diese Gärten haben mich getröstet.


2) Welche Rolle spielt Kunst heute in Ihrem Leben und Ihrer Arbeit?


agnès b.: Ich lebe mit Kunstwerken. Sie sind überall. Und ich glaube, man kann alles gestalten: Kleidung natürlich, aber auch einen Innenraum, eine Wand, eine Hängung… Dinge zusammenbringen, die plötzlich miteinander in Dialog treten.


Darum geht es bei einer Sammlung ein Stück weit. Aber ich habe eine Sammlung nie als etwas betrachtet, das man nach einem bestimmten Plan aufbaut. Ich habe keinen Plan! Ich kaufe etwas, weil es mich innehalten lässt, mich neugierig macht, bewegt, irritiert… weil ich weiß, dass ich damit leben möchte.


Und ich wollte schon immer zeigen, was ich liebe. Es ist wie mit einem Lied, das man mag: Man möchte es sofort jemandem vorspielen. Deshalb habe ich 1984 die Galerie du Jour eröffnet, und deshalb gibt es heute auch La Fab.: um zu teilen. Die Sammlung, die Galerie, die Buchhandlung… Das sind Orte, an denen Dinge in Bewegung bleiben. Ich finde es traurig, das, was man liebt, für sich zu behalten.


3) Wie würden Sie Ihre Beziehung zur Kreativität beschreiben und was leitet Ihre künstlerischen Entscheidungen?


agnès b.: Es geht um Wahlverwandtschaften. Mit dem Begriff „Liebe auf den ersten Blick“ kann ich nicht viel anfangen, denn er lässt an etwas Vergängliches denken.


Ich habe noch nie ein Kunstwerk gekauft, weil mir jemand gesagt hat, es sei eine gute Investition. Tatsächlich habe ich lange vor allem Werke von Künstlern gekauft, die niemand haben wollte!


Es muss etwas passieren. Manchmal weiß ich es sofort. Manchmal verstehe ich selbst nicht genau, warum mir ein Werk gefällt, und das ist völlig in Ordnung. Erklärungen, die zu schnell kommen, sind mir ein wenig suspekt. Ein Kunstwerk sollte sein Geheimnis bewahren dürfen.


Mich interessiert, wenn ich spüre, dass jemand dahintersteckt. Eine innere Notwendigkeit. Jemand, der etwas nicht tut, um im Trend zu liegen, sondern weil er oder sie es einfach tun muss.


4) Sie engagieren sich seit Langem für Künstler und die zeitgenössische Kunstszene. Was bewegt Sie dazu, einen Künstler oder ein Projekt zu unterstützen?


agnès b.: An erster Stelle steht der Künstler. Der Mensch, seine Arbeit, seine Freiheit. Ich mag Künstler, die suchen, die Risiken eingehen und nicht unbedingt genau wissen, wohin ihr Weg sie führt. Ich mag Menschen, die zweifeln. Zweifel haben etwas Schönes.


Einen Künstler zu unterstützen bedeutet nicht nur, ihm Geld zu geben oder ein Werk zu kaufen. Es kann heißen, ihm eine Wand zur Verfügung zu stellen, ihm Zeit zu schenken, seine Arbeit jemandem vorzustellen, etwas zu veröffentlichen, eine Ausstellung zu organisieren oder einfach da zu sein, wenn sonst niemand da ist. Mit der Galerie du Jour, Le Point d’Ironie, meiner Sammlung und heute La Fab. versuche ich schon seit Langem, genau das zu tun: Orte zu schaffen, an denen etwas entstehen kann.


5) Welche Werke oder Künstler begleiten Sie heute?


agnès b.: Oh, es sind so viele… Das ist eine unmögliche Frage!


Es gibt Künstler, die mich schon seit sehr langer Zeit begleiten: Jean-Michel Basquiat, Nan Goldin, Brassaï, Louise Bourgeois, Harmony Korine, Jonas Mekas… und so viele andere.


Aber das Wunderbare ist, dass man immer wieder Neues entdecken kann. Ich lasse mich immer noch gern überraschen. Irgendwo hineingehen und etwas sehen, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Oder einen sehr jungen Künstler kennenlernen und denken: Der ist wirklich unglaublich.


6) Welche Projekte oder Wünsche haben Sie für die kommenden Monate?


agnès b.: Weitermachen! So wie mein guter Freund Jonas Mekas immer sagte: „Keep dancing, keep singing, have a good drink, and do not get too serious!“


In diesem Herbst wird die Fotografie, die mich schon mein ganzes Leben begleitet, überall präsent sein! Im agnès-b.-Geschäft in der rue Dieu zeige ich Fotografien, die ich 1987 in Moskau aufgenommen habe… So habe ich sie bisher noch nie wirklich gezeigt. In der La Fab. bereiten wir Histoires d’amour vor, eine Ausstellung mit Fotografien aus meiner Sammlung. In der Galerie du Jour zeigen wir Gérard Malanga, einen langjährigen Freund, und präsentieren außerdem die Arbeit von Manon Lanjouère auf der Messe a ppr oc he. Es sind ganz unterschiedliche Geschichten und Generationen, aber genau das liebe ich an der Fotografie: Es gibt nicht nur eine einzige Art, die Dinge zu betrachten.


In der La Fab. wollen wir weiterhin einen lebendigen Ort schaffen. Keinen Ort, an dem man ehrfürchtig und schweigend Kunstwerke betrachtet (auch das ist natürlich möglich!), sondern einen Ort, an dem man eine Ausstellung entdecken, in einem Buch blättern, mit jemandem sprechen, wiederkommen oder einen Freund mitbringen kann…


Und ich möchte weiterhin verfolgen, was junge Künstler machen. Ich will auf keinen Fall zu jemandem werden, der sagt: „Früher war alles besser.“ Früher war es gut. Heute ist es auch gut. Und morgen werden wir sehen!


Auswahl an Kunstwerken

Fotografien, Brassaï, André Villers

André Villers

Fotografien . 38 x 27 x 1 cm Fotografien . 15 x 10.6 x 0.4 inch

900 €