Vom Wachtturm (2020–2021)
Zwischen dem 29. März 2020 und dem 25. September 2021, inmitten der Stille des COVID-19-Lockdowns, erstellte ich 350 Selbstporträts mit Flachbettscannern, wobei ich die LEDs des Scanners durch natürliches Licht ersetzte. Befreit von der kontrollierten Umgebung des Scanners mussten die Sensoren das „interpretieren“, was sie nicht erfassen sollten. Das Ergebnis waren Bilder, die die Realität eher abstrahierten als fotorealistisch wiedergaben. Jedes Porträt markiert den hellsten Moment des Tages und trägt das Datum der Aufnahme als Titel.
Die Serie trägt den Titel „Vom Wachtturm“, eine Anspielung auf Bob Dylans Song „All Along the Watchtower“. Dylans Song entstand während der 18 Monate, die er sich von einem Motorradunfall in Woodstock erholte. Er spielt mit der Kreislaufzeit – sowohl im Text als auch in der Melodie – und spiegelt so den zyklischen Charakter der Tage wider, die ich dokumentierte.
„From the Watchtower“ entstand in einer Zeit erzwungener Isolation, in der die Zeit stillzustehen und gleichzeitig beschleunigt zu sein schien. Der Lockdown schuf einen ungewöhnlichen Raum der Reflexion, in dem das Erstellen von Selbstporträts zu einem meditativen Prozess wurde – einer Auseinandersetzung mit persönlichen und kollektiven Erfahrungen. Mit einem Flachbettscanner als Werkzeug beschäftigte ich mich mit Licht in seiner rohesten und unvorhersehbarsten Form und entfernte mich von der sterilen, mechanischen Präzision, die typischerweise mit digitaler Reproduktion verbunden wird. Indem natürliches Licht die kontrollierte Beleuchtung des Scanners ersetzt, überschreitet das Projekt die Grenzen der traditionellen Fotografie und nimmt die Unvorhersehbarkeit und Abstraktion an, die entsteht, wenn Technologie auf die organische Welt trifft. Die Serie dokumentiert nicht nur physische Präsenz, sondern auch die schwankenden Geistes- und Stimmungszustände angesichts globaler Unsicherheit und spiegelt die zyklische und fragmentarische Natur der Zeit selbst wider.
Mehr lesen