Bronzeskulpturen
Riccardo Mayr ist ein 1970 geborener italienischer Autodidakt, der in Genf lebt und arbeitet. Bereits in den 1990er-Jahren widmete er sich ungewöhnlichen Materialien wie Eisenoxiden, Rost, Holzkohle, Asche, Blei, Kreide, Schwefel und Spiegelsplittern. Seine Gemälde bewegen sich zwar im Bereich der klassischen Malerei – Landschaften und Porträts –, doch suchen sie vor allem nach dem Sinn des reinen Malakts und der künstlerischen Performance, die angesichts neuer Technologien und deren häufigem Einsatz fragwürdig geworden ist. Mayr versucht, das Wesen der Zeit einzufangen: durch die Zeit hindurch, in der Zeit und über die Zeit hinweg. Sein Malprozess erforscht und integriert subjektive Aspekte mit greifbaren Aspekten der Realität und deren physikalischen Eigenschaften.
Ziel ist es, innerhalb des allumfassenden Rahmens der physikalischen Gesetze ein visuelles Gleichgewicht zwischen persönlicher Erinnerung und kollektivem Weltgedächtnis zu erreichen.
Dies wird erreicht, indem vier Einflüsse auf alchemistische Weise in die Leinwand eingearbeitet werden:
• Emotionaler Einfluss: Die emotionalen Reaktionen des Künstlers während seiner persönlichen Lebenserfahrungen sowie die damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle prägen letztendlich die gesamte Wahrnehmung der Welt durch den Künstler während des Malprozesses und beeinflussen somit, wie diese auf der Leinwand dargestellt wird.
• Einfluss der Schwerkraft: Im Malprozess wird die Schwerkraft als fundamentale Kraft berücksichtigt. Die Schwerkraft wird so eingesetzt, dass ihre Funktion in der Natur auf der Malfläche nachgebildet wird, sodass Materie und Partikel ungehindert auf die Leinwand fallen und sich gemäß den Gesetzen der Physik auf der Oberfläche verschmelzen können.
• Retrokausaler Einfluss: Die Grundlage des Kunstwerks, die als Katalysator für die Bilder dient, besteht aus authentischen, collagierten Dokumenten aus der Vergangenheit. Durch den Malprozess, in dem der Künstler mit der gealterten Oberfläche der collagierten Dokumente interagiert, entwickelt sich das Bild gleichzeitig vorwärts und rückwärts.
• Verschränkte Einflüsse: Auf der Oberfläche entsteht ein Bild, das durch zwei unterschiedliche und unabhängige, teilweise kausale Richtungen gekennzeichnet ist, die sich sowohl vorwärts als auch rückwärts bewegen. Dies deutet auf ein Malmodell hin, in dem alle Zeitpunkte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – im Kunstwerk koexistieren. Die Erinnerung des Künstlers formt zusammen mit dem kollektiven Gedächtnis der Welt das Bild auf der Leinwand im Einklang mit den Gesetzen der Physik und erfasst so das Wesen der Zeit: durch die Zeit, in der Zeit und über die Zeit hinweg. Dadurch wird die Erinnerung an die Zeit gemalt.
Disziplin in der Materie – Die Kunst von Riccardo Mayr
Heute ist es schwierig, über Kreativität zu sprechen. Sie ist eng mit der Ökonomie des Kunstmarktes verknüpft. Es wird zunehmend schwieriger, den kreativen Prozess von dem ökonomischen Gefüge zu trennen, in dem ein Künstler agiert. Dennoch kann ein Künstler versuchen, sich auszudrücken, indem er sich von der virtuellen Dynamik des Marktes distanziert. Für Riccardo Mayr beinhaltet ein solcher Distanzierungsprozess sowohl das aktive Streben nach dem physischen Wesen eines Sujets als auch die Ablehnung seiner marginalen oder vielleicht zufälligen Attribute. Wie lassen sich die wesentlichen Qualitäten eines Sujets isolieren und im kreativen Prozess erfassen? Wie können seine unzähligen Elemente identifiziert und ausgewählt werden, um den Kern des Sujets freizulegen? Der kreative Akt wird nicht ausschließlich von den inneren Impulsen eines Künstlers diktiert, sondern muss vielmehr eine Reaktion auf eine äußere, physikalische Logik ermöglichen. Dieser Prozess beinhaltet eine Abkehr von der mechanischen Reproduktion standardisierter Produkte (die gemeinhin als unhinterfragtes Zeichen von Kompetenz gilt) hin zu einem Prozess, der es physischen Elementen erlaubt, sich ungehindert zu vermischen. Riccardo Mayr verzichtet auf Metaphern und sucht nach der Bedeutung, die in physikalischen Konsistenzebenen verborgen liegt (Deleuze, Guattari). Er ergründet diese Bedeutung durch aktives physisches Engagement im kreativen Prozess. Indem er die physische Natur in den Mittelpunkt stellt, bekräftigt Mayr den Materialismus als Mittel zur Enthüllung des Wesens eines Subjekts. In dieser Sichtweise entspricht das Materielle dem Organischen – von Elektronen über Zellmaterie bis hin zu physischen Strukturen. Diese Elemente, ihrer synthetischen Schichten beraubt, aus ihrem Kontext und ihrer Umgebung gelöst, können sich in einem stillen Tanz auf einer neuen Konsistenzebene vereinen (Deleuze und Guattari, Tausend Plateaus). Weder die Bewegung dieses Tanzes noch sein Ergebnis lassen sich vorhersagen oder reproduzieren. Die Oberfläche der Leinwand wird zur Bühne eines Konstruktionsprozesses, der Materie auflöst, nur um die Partikel in neuen Schichten neu zu vereinen und so eine neue Konsistenzebene zu bilden, die sich verdichtet und dabei ihren wesentlichen Charakter bewahrt – ein Zeugnis ihrer ursprünglichen Natur. Dieser Malstil eignet sich besonders für Materialien wie Holzkohle, Rost, Asche, zerbrochene Spiegel und Papierfetzen. Die Vergangenheit und die Bedeutung dieser Materialien offenbaren sich auf einer Oberfläche, die an Tiefe gewinnt und ihre eigene, nicht vollständig kontrollierbare Präsenz unterstreicht. Gemäß den Gesetzen der Physik und proportional zu ihrem Gewicht fallen die Materialien auf die Leinwand, schmelzen zunächst und erstarren dann allmählich auf der Oberfläche, wo sie sichtbar, aber nicht unbedingt erkennbar erscheinen. Letztendlich verrät die Oberfläche, die oft Schauplatz reaktiver chemischer Reaktionen war, die Komplexität des kreativen Prozesses.
Gemälde . 40 x 40 x 0.1 cm Gemälde . 15.7 x 15.7 x 0 inch
800 €
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